Das Web in 60 Sekunden

So begegnen Sie dem Content-Schock

Früher nannte man es „Information Overkill“ – die quasi ununterbrochene Flut von Informationen aus Radios, Fernsehern, Zeitungen und Zeitschriften. Mehr, als ein menschliches Gehirn vernünftig verarbeiten könne, so Experten. Gemessen an heutigen Maßstäben lebten die meisten Menschen damals allerdings im Tal der Ahnungslosen. Denn abgesehen von den klassischen Medien, die nach wie vor omnipräsent sind, hat das Internet vor allem seit dem vergangenen Jahr einen wahren Content-Schock ausgelöst. Hier ein paar aktuelle Zahlen:

Durchschnittlich alle 60 Sekunden …

… werden auf YouTube Videos mit einer Laufzeit von 400 Stunden hochgeladen
… posten die rund 1,6 Milliarden Facebook-Nutzer 3,3 Millionen Beiträge
… erscheinen allein über WordPress 1.212 neue Blog-Artikel

Das Problem ist nicht allein die schiere Menge an Content. Das Problem ist die Relevanz. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind wenigstens 99 Prozent aller im Web veröffentlichten Texte, Videos und Fotos für die allermeisten Menschen uninteressant. Das hat Google schon lange erkannt und gibt deshalb selten mehr als 60 Seiten (Search Engine Result Pages = SERPs) mit jeweils zehn Links aus. So finden sich beim Suchbegriff „Content“ zwar mehr als sieben Millionen Einträge, gezeigt werden aber nur rund 750 Links. Die restlichen Quellen sind laut Google „irrelevant“.

Die alles entscheidende Frage für Unternehmen lautet aber nicht „wie komme ich auf die SERPs?“, sondern „wie komme ich auf die erste Seite der SERPs?“ Zwar sind auch die Seiten zwei und drei der SERPs nicht zu verachten; die erste Seite aber ist so etwas wie ein Ritterschlag in der SEO (Search Engine Optimization), vor allem bei populären Suchbegriffen. Der Königsweg führt – natürlich – über relavanten Content. Relevant bedeutet: Der Inhalt muss dem Betrachter einen Mehrwert bieten.

Vorsicht beim Content-Kauf

Erstaunlicherweise wird die Mehrwert-Aussage seit Jahren als Mantra heruntergebetet und findet sich in nahezu allen Artikeln über Content-Marketing. Aber nur ganz selten wird erwähnt, WOHER der Betreiber einer Website diesen relevanten Content denn nehmen soll. Offenbar sind die meisten Autoren der Ansicht, dass es in jedem Unternehmen journalistisch ausgebildete Texter und erfahrene Mediengestalter gibt, die sich überwiegend um den Content für die Website ihres Arbeitgebers kümmern.

Dass dem nicht so ist, beweisen die vielen Google-Ergebnisse beim Suchbegriff „Content kaufen“. Was sofort auffällt: Der deutsche Markt von Content-Kunden wird offenbar von Hungerleidern dominiert. Wie sonst ist es zu erklären, dass „einzigartige und qualitativ hochwertige“ Texte für weniger als fünf Euro pro Stück angeboten werden? Eine Erklärung: Für die Inhaber solcher Conent-Provider geht Quantität über Qualität, was natürlich bei den Autoren-Honoraren durchschlägt. So findet sich beispielsweise bei einem Anbieter das wohlklingende Versprechen:

Bei nur 15 abgegebenen Texten im Monat (mit je 300 Wörtern in der Qualitätsstufe 3) hätten Sie bereits einen Verdienst in Höhe von 58,50 Euro.

Selbst wenn man pro Text nur eine Stunde Arbeitszeit ansetzt (Recherche, Schreiben, Korrekturlesen), kommt der Autor auf einen zu versteuernden (!) Stundenlohn von sage und schreibe 3,90 Euro. Kann man dafür relevanten Content verlangen, der sowohl den Leser als auch Google überzeugt, der nicht mit Keywords zugepflastert ist und an dem es thematisch sowie handwerklich nichts auszusetzen gibt? Wohl kaum! Schließlich rekrutieren sich die meisten Billig-Schreiber aus Laien, die sich nur nebenbei ein kleines Tachengeld verdienen wollen …

Eine wichtige Erkenntnis im Kampf gegen den Content-Schock lautet also:

Billig-Content vergrault Ihre Kunden und führt bei Google zur Abwertung

Dass Google schlecht geschriebenen und thematisch uninterressanten Content abwertet, erscheint zunächst nicht plausibel. Der „Googlebot“ kann schließlich nicht lesen. Im Hintergrund allerdings werkeln komplizierte Algorithmen, die den von den Bots erfassten Content nach über 200 Kriterien bewerten. Darunter auch die semantische Auswertung namens  „Knowledge Graph„.

Eines der aufschlussreichsten Bewertungskriterien und zugleich der Totengräber vieler irrelavanter Webseiten verbirgt sich aber hinter dem Begriff „Verweildauer“. Grundlage ist das von den meisten kommerziellen Website-Betreibern genutze Tool „Google Analytics„, dessen individueller Code in allen Webseiten integriert ist und den der Webserver bei jedem Zugriff an Google übermittelt. Wird eine Seite aufgerufen und wieder verlassen, erfährt Google auf die Sekunde genau, wie lange die Seite angesehen wurde. Eine Verweildauer von nur wenigen Sekunden interpretiert Google mit „Content ist nicht relevant“, umgekehrt spricht eine lange Verweildauer von einigen Minuten dafür, dass die aufgerufenen Seite ziemlich genau zum eingegebenen Suchbegriff passt und somit als relevant einzustufen ist. Das heißt aber auch: Die Texte dürfen nicht zu kurz sein, als absolutes Minimum gelten 300 Wörter pro Seite.

Boutique statt Altkleidersammlung

Wer auf sich hält, legt Wert auf ein angemessenes Auftreten. Das gilt besonders für Verkäuferinnen und Verkäufer. Oder würden Sie jemandem Ihr Vertrauen schenken, der in zerlumpter Kleidung erscheint und Ihnen irgendetwas in schlechtem Deutsch erzählt, das Sie gar nicht wissen wollen? Genau so verhält es sich mit kommerziellen Websites, auch sie wollen etwas verkaufen. Und selbst wenn der Preis stimmt, die inhaltliche Präsentation à la Altkeidersammlung wird dem Besucher bestimmt zu denken geben. Zum Schluss deshalb mein Tipp:

Suchen Sie für Ihre Website journalistisch ausgebildete Texter und erfahrene Mediengestalter. Zeigen Sie, dass Sie Ihre Kunden schätzen und sie nicht mit billig erworbenen Allerwelttexte langweilen wollen. Sie werden es Ihnen danken. Und Google machen Sie dabei auch noch glücklich …