Halbleiter, Rechenzentren und Künstliche Intelligenz entwickeln sich zunehmend zu strategischen Ressourcen. Ohne leistungsfähige Chips funktionieren weder moderne Produktionsanlagen noch Cloud-Infrastrukturen, Kommunikationsnetze oder KI-Systeme. Gleichzeitig konzentrieren sich viele entscheidende Stufen der Halbleiterproduktion auf wenige Länder und Unternehmen. Mit der Initiative Pax Silica versuchen die USA deshalb, gemeinsam mit Partnerstaaten widerstandsfähigere Lieferketten für das KI-Zeitalter aufzubauen.
Pax Silica startete im Dezember 2025 als Initiative des US-Außenministeriums. Sie soll Lieferketten von kritischen Rohstoffen und Energie über Halbleiterfertigung und Advanced Manufacturing bis hin zu Rechenzentren und KI-Infrastruktur absichern. Beim zweiten Pax-Silica-Gipfel im Juni 2026 war die Zahl der Unterzeichner der gemeinsamen Erklärung bereits auf 24 gestiegen. Dazu gehören neben den USA unter anderem Japan, Südkorea, Indien, Singapur, Großbritannien, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Niederlande und inzwischen auch Deutschland sowie die Europäische Union. (PublicNow)
Warum heißt die Initiative Pax Silica?
Der Name orientiert sich an Begriffen wie Pax Romana oder Pax Americana. „Pax“ steht dabei für Frieden, Stabilität und eine langfristig tragfähige Ordnung. „Silica“ bezeichnet Siliziumdioxid, das als Ausgangsstoff für die Gewinnung des hochreinen Siliziums dient, aus dem Halbleiterwafer entstehen.
Der Begriff besitzt damit vor allem symbolischen Charakter. Es geht keineswegs nur um Silizium. Die Pax-Silica-Erklärung umfasst nahezu die gesamte technologische Wertschöpfungskette der KI-Wirtschaft. Genannt werden unter anderem kritische Mineralien, deren Verarbeitung, Energieversorgung, moderne Fertigungsverfahren, Halbleiter, Rechenkapazität, Netzwerkinfrastruktur, Softwareplattformen und Foundation Models. (Industrie Regierung Australien)
Pax Silica versteht KI damit nicht ausschließlich als Softwarethema. Hinter jedem großen KI-Modell steht eine umfangreiche physische Infrastruktur aus Rohstoffen, Halbleiterfabriken, Speicherchips, Prozessoren, Netzwerktechnik, Rechenzentren und Kraftwerken.
Die Halbleiter-Lieferkette ist stark spezialisiert
Kaum eine andere industrielle Wertschöpfungskette ist international so stark verteilt wie die Halbleiterproduktion. Rohstoffe stammen aus anderen Regionen als die Maschinen, mit denen Wafer gefertigt werden. Hochmoderne Lithographiesysteme kommen vor allem aus Europa, führende Foundries sitzen in Asien und viele zentrale Unternehmen der Chipentwicklung befinden sich in den USA.
Diese Spezialisierung ermöglicht eine extrem effiziente Produktion, schafft gleichzeitig jedoch strategische Abhängigkeiten. Schon der weltweite Chipmangel während und nach der Corona-Pandemie zeigte, wie schnell Störungen einzelner Produktionsstufen Auswirkungen auf Automobilindustrie, Maschinenbau und Elektronikproduktion haben können.
Bei KI-Hardware steigt die Bedeutung solcher Abhängigkeiten weiter. Besonders leistungsfähige KI-Systeme benötigen moderne Logikprozessoren, High Bandwidth Memory, Advanced Packaging und schnelle Netzwerktechnik. Auch die dafür notwendigen Produktionsanlagen, Spezialchemikalien und Materialien stammen teilweise nur von wenigen Anbietern.
Pax Silica soll solche Abhängigkeiten nicht durch vollständige nationale Eigenproduktion beseitigen. Stattdessen setzt die Initiative auf eine Arbeitsteilung innerhalb eines Netzes politisch und wirtschaftlich eng verbundener Staaten.
Aus der Lieferkette wird eine Frage der Sicherheitspolitik
Die gemeinsame Erklärung spricht ausdrücklich von einer Verringerung übermäßiger Abhängigkeiten und einer stärkeren Zusammenarbeit mit zuverlässigen Partnern. Gleichzeitig sollen Investitionen, Infrastruktur und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen stärker aufeinander abgestimmt werden. (Industrie Regierung Australien)
China wird in der eigentlichen Pax-Silica-Erklärung nicht ausdrücklich genannt. Dennoch steht die Initiative im Zusammenhang mit dem zunehmenden technologischen Wettbewerb zwischen den USA und China. Washington versucht seit mehreren Jahren, den chinesischen Zugriff auf besonders leistungsfähige KI-Chips und bestimmte Technologien zur Halbleiterproduktion einzuschränken. Pax Silica ergänzt diese Exportkontrollen um eine stärker kooperative Strategie: Verbündete sollen gemeinsame Lieferketten aufbauen und Investitionen koordinieren.
Damit verschiebt sich die Halbleiterpolitik. Chips gelten nicht mehr ausschließlich als Handelsware, sondern als Bestandteil wirtschaftlicher und nationaler Sicherheit.
Auch Energie gehört zum KI-Stack
Bemerkenswert ist, dass Pax Silica die Energieversorgung ausdrücklich in die technologische Lieferkette einbezieht. Das hat einen einfachen Grund: Moderne KI benötigt enorme Rechenkapazitäten.
Ein KI-Rechenzentrum lässt sich nicht allein durch die Verfügbarkeit von Prozessoren aufbauen. Es benötigt Netzanschlüsse mit hoher Leistung, zuverlässige Stromerzeugung, Kühlung, Glasfaserverbindungen und teilweise erhebliche Mengen Wasser. Die Standortfrage für neue KI-Infrastruktur hängt deshalb zunehmend von Energiepreisen und verfügbaren Netzkapazitäten ab.
Die Initiative betrachtet Rohstoffe, Chips, Rechenzentren und Energie folglich als zusammenhängendes System. Genau darin unterscheidet sich Pax Silica von klassischen Halbleiterprogrammen.
Welche Rolle spielt Europa?
Die Europäische Kommission unterzeichnete die Pax-Silica-Erklärung am 25. Juni 2026. Nach Angaben der Kommission soll die Zusammenarbeit die Sicherheit der Halbleiter- und KI-Lieferketten erhöhen und gleichzeitig die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas unterstützen. Die EU verbindet diesen Schritt mit ihrer eigenen Strategie für technologische Souveränität und dem Chips Act 2.0. (Digitale Strategie EU)
Europa besitzt innerhalb der globalen Halbleiterindustrie einige Schlüsseltechnologien. Besonders sichtbar ist die Lithographie. Das niederländische Unternehmen ASML produziert die EUV-Systeme, die für die Fertigung modernster Prozessoren benötigt werden. Deutsche Unternehmen liefern dafür ebenfalls zentrale Komponenten und Technologien.
Auf anderen Ebenen bestehen dagegen erhebliche Abhängigkeiten von amerikanischen und asiatischen Herstellern. Für Europa liegt die Herausforderung deshalb darin, an sicheren internationalen Lieferketten teilzunehmen, ohne neue einseitige Abhängigkeiten zu schaffen.
Pax Silica reicht weit über Halbleiter hinaus
Pax Silica lässt sich deshalb nur bedingt als „Chip-Allianz“ beschreiben. Tatsächlich entsteht ein wirtschaftspolitisches Netzwerk für nahezu den gesamten technischen Unterbau moderner KI.
Dazu gehören:
- kritische Mineralien und deren Verarbeitung
- Energieversorgung
- Halbleiter und Advanced Packaging
- Produktionsanlagen und Fertigungstechnik
- Rechenzentren und KI-Beschleuniger
- Glasfaser- und Kommunikationsnetze
- Logistik und Transportwege
- Softwareplattformen und KI-Modelle
Wie praktisch diese Zusammenarbeit werden kann, zeigt ein im August 2026 angekündigtes Projekt. Das US-Außenministerium plant, mit bis zu 50 Millionen US-Dollar eine Plattform zu fördern, die Herkunft und Transport kritischer KI-Komponenten über Panama nachvollziehbarer machen und Lieferungen zwischen Pax-Silica-Partnern beschleunigen soll. (PublicNow)
Silizium entwickelt sich zum strategischen Rohstoff des KI-Zeitalters
Pax Silica zeigt damit vor allem eines: Die Digitalisierung besitzt eine sehr materielle Grundlage. KI entsteht nicht allein durch Algorithmen. Sie benötigt Rohstoffe, Produktionsanlagen, Halbleiter, Energie, Kommunikationsnetze und eine komplexe internationale Logistik.
Die Initiative versucht, diese bisher stark globalisierte Wertschöpfung künftig stärker innerhalb eines Netzes strategischer Partner zu organisieren. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte neue Technologieordnung entsteht, bleibt offen. Die Richtung ist jedoch klar: Die Kontrolle über Halbleiter, Rechenleistung und die dafür notwendigen Lieferketten entwickelt sich zu einem wichtigen Faktor industrieller Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischer Macht.
