Noch ist 6G kein fertiger Mobilfunkstandard. Trotzdem hat die nächste Mobilfunkgeneration 2026 einen wichtigen Schritt aus den Forschungslaboren in Richtung Standardisierung gemacht. Die Internationale Fernmeldeunion ITU hat zentrale technische Anforderungen für IMT-2030 definiert. Parallel konkretisiert das Standardisierungsgremium 3GPP Architektur, Funktechnik und Dienste. Mit ersten kommerziellen Netzen rechnen die meisten Planungen weiterhin gegen Ende des Jahrzehnts.
Damit beginnt eine Phase, in der sich entscheiden dürfte, was 6G tatsächlich leisten soll. Denn viele frühe Visionen reichten von Terahertz-Funk bis zu Datenraten im Bereich mehrerer Terabit pro Sekunde. Die bisher festgelegten Rahmenbedingungen fallen deutlich nüchterner aus – und zugleich industriell interessanter.
ITU legt technische Leitplanken fest
Die ITU bezeichnet die sechste Mobilfunkgeneration offiziell als IMT-2030. Im Februar 2026 schloss die zuständige Working Party 5D die Arbeiten an einem Entwurf mit 20 technischen Leistungsanforderungen ab. Die endgültige Bestätigung durch die übergeordnete ITU-R Study Group 5 steht für Dezember 2026 auf dem Zeitplan.
Zu den Orientierungswerten zählen je nach Anwendung Spitzenraten zwischen 50 und 200 Gbit/s. Für die tatsächlich nutzbare Datenrate nennt das IMT-2030-Rahmenwerk Größenordnungen ab 300 bis 500 Mbit/s. Die Funklatenz soll in geeigneten Szenarien zwischen 0,1 und 1 Millisekunde liegen. Auch eine Positionsbestimmung mit Genauigkeiten im Zentimeterbereich gehört zu den neuen Zielgrößen.
Solche Werte beschreiben allerdings keine garantierten Eigenschaften späterer Mobilfunknetze. Sie dienen vor allem als Bewertungsmaßstab für Technologien, die sich um die Aufnahme in den kommenden 6G-Standard bewerben.
3GPP arbeitet an der eigentlichen Technik
Während die ITU globale Rahmenbedingungen vorgibt, entwickelt 3GPP die konkreten Mobilfunkstandards. Release 20 bildet dabei die zentrale Studienphase für 6G. Unter anderem untersucht 3GPP bereits die zukünftige Netzarchitektur, Zuverlässigkeit, Netzauswahl, Medienübertragung und den Einsatz künstlicher Intelligenz im Mobilfunknetz.
Die normativen Spezifikationen sollen hauptsächlich in Release 21 folgen. 3GPP hatte früh festgelegt, dass zwei Releases notwendig sind: Release 20 für die Studien und Release 21 für die eigentliche Standardisierung. Das 3GPP-Portal führt sowohl Release 20 als auch Release 21 derzeit als offen.
Vorschläge für Funktechnologien können nach dem ITU-Zeitplan zwischen Februar 2027 und Februar 2029 eingereicht werden. Die abschließende internationale Anerkennung der 6G-Spezifikationen soll bis 2030 erfolgen.
6G soll mehr können als Daten übertragen
Die interessantesten Veränderungen betreffen nicht die maximale Datenrate. IMT-2030 sieht sechs grundlegende Anwendungsszenarien vor. Dazu zählen immersive Kommunikation, besonders zuverlässige Verbindungen mit sehr niedriger Latenz, massive Maschinenkommunikation, flächendeckende Konnektivität sowie zwei neue Bereiche: die enge Verzahnung von künstlicher Intelligenz und Kommunikation sowie „Integrated Sensing and Communication“.
Gerade letzteres dürfte für industrielle Anwendungen Bedeutung gewinnen. Mobilfunk-Basisstationen könnten künftig nicht nur Daten übertragen, sondern ihre Umgebung gleichzeitig erfassen. Funknetze übernehmen damit teilweise Aufgaben klassischer Radar- und Sensorsysteme. Denkbar sind präzisere Lokalisierung von Fahrzeugen, Maschinen, Robotern oder Drohnen sowie eine kontinuierliche Erfassung von Bewegungen und Objekten.
Auch künstliche Intelligenz soll tiefer in die Netzarchitektur einziehen. Statt KI lediglich als externe Anwendung zu nutzen, berücksichtigen die 6G-Konzepte KI bereits bei Netzsteuerung, Ressourcenverteilung, Datenverarbeitung und Funkoptimierung. 3GPP untersucht dazu unter anderem eigene Protokolle für KI-Funktionen im 6G-System.
Satelliten gehören künftig stärker zum Mobilfunknetz
Ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt betrifft die Verbindung terrestrischer Mobilfunknetze mit Satellitensystemen. Schon 5G unterstützt sogenannte Non-Terrestrial Networks. Mit 6G soll die Trennung zwischen Mobilfunkmasten und satellitengestützter Kommunikation weiter verschwimmen.
Die ITU erwartet rund um 2030 zunehmend konvergente terrestrische und satellitengestützte Netze. Dadurch könnten Smartphones, Maschinen und Fahrzeuge auch außerhalb klassischer Mobilfunkabdeckung erreichbar bleiben. Besonders für maritime Anwendungen, Luftfahrt, Katastrophenschutz und dünn besiedelte Regionen eröffnet diese Architektur neue Möglichkeiten.
Das 6G-Frequenzspektrum steht noch nicht fest
Bei den Frequenzen bleibt vieles offen. Die Weltfunkkonferenz WRC-27 soll unter anderem zusätzliche Frequenzbereiche für künftige IMT-Systeme prüfen. Auf der Agenda stehen Bereiche zwischen 4,4 und 4,8 GHz, 7,125 und 8,4 GHz sowie 14,8 bis 15,35 GHz. Dabei gelten teilweise regionale Einschränkungen.
Damit zeichnet sich ab, dass 6G nicht ausschließlich auf extrem hohe Frequenzen setzen dürfte. Forschung oberhalb von 100 GHz läuft weiter, doch solche Bereiche stellen derzeit eher eine Ergänzung für spezielle Anwendungen dar. Für eine breite Mobilfunkversorgung bleiben niedrigere und mittlere Frequenzbereiche unverzichtbar. Die bisherigen IMT-Frequenzen sollen deshalb auch für IMT-2030 relevant bleiben.
Das relativiert auch die häufig genannte Vorstellung, 6G werde automatisch zum „Terahertz-Mobilfunk“. Technisch bleibt dieser Bereich interessant, für flächendeckende Netze sprechen Reichweite, Gebäudedämpfung und Energiebedarf jedoch gegen einen ausschließlichen Einsatz extrem hoher Frequenzen.
Europa investiert weiter kräftig
Europa versucht, bei 6G eine stärkere Rolle als bei früheren Mobilfunkgenerationen zu spielen. Die Smart Networks and Services Joint Undertaking, kurz SNS JU, bündelt öffentliche und private Forschung. Im März 2026 kündigte die Organisation weitere 116 Millionen Euro für 20 Projekte an. Insgesamt umfasst das europäische Portfolio inzwischen rund 100 Projekte. Für 2026 und 2027 sind weitere Investitionen von rund 270 Millionen Euro vorgesehen.
Die Projekte reichen von neuen Funkverfahren und KI-nativen Netzen bis zu Sicherheit, Raumfahrtkommunikation und Anwendungen in der industriellen Fertigung. Deutschland gehört zu den europäischen Staaten mit umfangreichen nationalen 6G-Forschungsaktivitäten.
6G dürfte zunächst vor allem Industrieanwendungen verändern
Für Verbraucher dürfte der Sprung von 5G auf 6G weniger spektakulär ausfallen, als es die Generationsnummer vermuten lässt. Smartphones profitieren von höheren Datenraten und geringeren Verzögerungen, doch klassische Anwendungen wie Video-Streaming funktionieren bereits heute problemlos.
Größeres Potenzial besitzt 6G dort, wo Kommunikation, Echtzeitsteuerung, Ortung, Sensorik und Rechenleistung zusammenkommen. Dazu zählen autonome Produktionsanlagen, mobile Roboter, digitale Zwillinge, vernetzte Fahrzeuge, Drohnen oder räumlich verteilte Steuerungssysteme.
Bis solche Anwendungen im Regelbetrieb laufen, bleibt 5G Advanced die entscheidende Mobilfunktechnik. 6G löst 5G deshalb nicht schlagartig ab. Vielmehr dürfte sich die nächste Generation über Jahre aus bestehenden Netzen heraus entwickeln.
Der derzeitige Stand zeigt dennoch: Aus einer Sammlung futuristischer Forschungsprojekte entsteht allmählich ein konkreter Mobilfunkstandard. Die grundlegenden Ziele stehen fest, die 3GPP-Arbeit läuft und die Frequenzpolitik bereitet die nächsten Entscheidungen vor. Der eigentliche 6G-Marktstart liegt zwar noch einige Jahre entfernt. Die technischen Weichen dafür stellt die Branche jedoch bereits heute.
